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Kirchweihausfall

von Alexander Mayer

Weltkrieg Stellung

Engelbert Ratgeber ließ in Gedanken das Schicksalsjahr 1914 an sich vorbeilaufen, es hatte sich zunächst so gut angelassen, zu Pfingsten wurde die Spielvereinigung deutscher Meister, die Stadt stand Kopf. Am 25. Juli hielt man den  Ehrenabend für die siegreiche Elf ab. Engelbert war zwar nicht eingeladen, aber dieser Erfolg machte ihn wie alle stolz, selbst die älteren Bürger, die noch bis vor kurzem über den Fußball als Sport spöttelten, äußerten ihre Anerkennung.

Aber das Unheil nahm seinen Lauf, die Menschenmassen drängten sich am selben Abend vor den Depeschentafeln der Zeitungen. Extra-Blätter erschienen, der Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Österreich-Ungarn und dem Königreich Serbien versetzte Engelbert und viele andere in Schrecken und Erregung.

Engelbert versuchte in den Kolonialwarengeschäften Lebensmittel einzukaufen, aber diese Läden wurden bestürmt. Salz, Mehl und Früchte waren in den meisten Geschäften vergriffen. Engelbert lief eilenden Schrittes von einem zum anderen Geschäft, aber es war zu spät, die großen Kolonialwarenhandlungen schlossen ihre Geschäfte, da sie vollständig ausverkauft waren. In den beiden Mühlen Wolfsgruber und Förster konnte er immerhin noch etwas Mehl erstehen, aber selbst dort gab es nicht mehr viele Vorräte.

Abends am 1. August hörte Engelbert von seiner Küche aus auf der Straße eine Handschelle mit ihrem eindringlichen Klang. Wie die anderen Anwohner öffnete er das Fenster. Ein Schutzmann verlas die Mobilmachung des Deutschen Reiches. Engelbert schloss das Fenster, setzte sich  an den Küchentisch und starrte seinen Bierkrug an, bis der Schaum völlig in sich zusammengefallen war. Das bedeutete das Ende Europas, das Ende der alten Welt und …  Engelbert empfand den Gedanken angesichts der sich anbahnenden Katastrophe zwar unangemessen und lächerlich … aber er dachte ihn doch: es bedeutete das Ende der Fürther Kirchweih.

Engelbert lief von der Theaterstraße zur Stadtkirche, es war Sonntag, der 4. Oktober 1914. Auch die Emporen waren voll besetzt, viele suchten in jene schweren Zeiten Hoffnung und Trost in der Kirche. An diesem Tag gab es jedoch einen besonderen Anlass. In der Michaelskirche wurde das Fest der Kirchweih begangen. Aber nur dort, denn auf den Plätzen und in den Straßen, wo sonst zu diesem Anlass reges Leben und Treiben geherrscht hätte, war es öde und leer. Engelbert ging nach dem Festgottesdienst traurig und bedrückt über den Gänsberg nachhause.

Fünf Tage später, Engelbert hatte sich schon ins Bett gelegt, fingen kurz vor 23 Uhr die Kirchenglocken an zu läuten. Er öffnete im Schlafrock leicht benommen die Fenster, auf der Straße liefen die Menschen zusammen: Die Festung Antwerpen ist gefallen! Was für ein Sieg!

Wie nach jeder Siegesmeldung glimmte die Hoffnung auf, dass der Krieg nun bald zu Ende sein werde. Kurz vor Mitternacht zogen Marschkolonnen durch die Straßen, die von einer nächtlichen Felddienstübung bei Vach zurückkehrten. Die jungen Soldaten sangen frohe Lieder und ließen laute Hoch und Hurra-Rufe ertönen. Engelbert steckte in die Fahnenhalterung vor seiner Küche den Fahnenstab mit der deutschen Reichskriegsflagge, viele andere in der Stadt taten es ihm gleich, am Rathausturm wehte die deutsche Flagge.

Kurz nach Mitternacht läuteten noch einmal alle Turmglocken in der Stadt, niemand schlief mehr. Gut, Belgien war ein neutraler Staat gewesen, aber wir mussten durch, um Frankreich zu besiegen, die Geschichte wird uns Recht geben, dachte sich Engelbert. Eigentlich wäre jetzt in der Stadt Kirchweih, aber immerhin, wir hatten das belgische Antwerpen erobert. Engelbert trank ein Geismann aus der nahegelegenen Brauerei und schlief bald wieder zufrieden ein.

Textausschnitt aus dem in Entstehung begriffenen Roman „Krieg und Versöhnung – die Déjà-vus des Engelbert Ratgeber“.

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